• Lass die Stille reden

22./23. August 2008 – Bettlervision

Bruder Angelicus de Angelis: Ich weiß nicht genau, ob es ein Traum oder eine Vision ist. Ich erwachte in meinem Zimmer, geweckt von Klopfen, schrillem Gelächter und Kälte. Das Zimmer war erfüllt von einem tiefen, roten Glühen. Ich richtete mich auf. Irgendetwas blitze in einem grellen Rot. Ich hatte das Gefühl, als würde ich durch eine Art Kanal gezogen. Ich konnte nichts sehen, nur dieses tiefe Rot. (Nach 2.00 Uhr.)

Plötzlich befand ich mich auf einer, mit Menschenmassen überladenen Straße, und ging mit dieser Masse, einer großen, auf einem Hügel gelegenen Stadt entgegen. Jeder dieser Menschen hielt einen prallen Geldbeutel in seiner Hand. Ich kam der Stadt immer näher, als ich den Mittelpunkt der Stadt erblicken konnte. Der Mittelpunkt war ein großer Platz mit einem Tempel und einer goldenen Statue, welche eine brennende Fackel in der rechten, und eine goldene Schale in ihrer linken Hand hielt. Vor der Statue befanden sich drei Schalen aus Gold und ein Tisch aus Gold. Die Schalen und der Tisch waren umringt von Männern in goldenen Gewändern, welche goldene Stäbe in ihrer Hand hielten, mit denen sie immer wieder Blitze in die Luft schickten und damit die umher stehenden Menschen in Ehrfurcht versetzten. Rings um den Platz waren gewaltige Fackeln aufgestellt, die ein tiefrotes Licht über die ganze Gegend ausstrahlten. Trotz des vielen Feuers, schien es mir kalt zu sein. Ich sah, wie Menschen am großen Tor, welches hinauf zum Mittelpunkt der Stadt führte, Lämmer kauften. Sie nahmen die Lämmer und brachten sie auf den großen Platz.

Ich blickte gerade hinauf zum Platz, als dort gerade ein Mann sein Lamm darbrachte. Dieses wurde auf dem goldenen Tisch geschlachtet. Das Blut wurde in die linke Schale gegossen, das Fleisch in die rechte Schale gelegt. In der mittleren Schale wurde das Fell des Lammes verbrannt. In dem Moment schien die Fackel in der Hand der Statue zu wachsen und aus der Schale, welche die Statue in der linken Hand hielt, quoll dichter Rauch. Die Männer mit den goldenen Gewändern fingen an, um den Mann herumzutanzen und ihn mit dem Rauch des Felles zu benebeln. Dann gaben sie dem Darbringer des Lammes ein Stück rohes Fleisch zu essen und übergossen ihn mit dem Blut. Gefangen in einem Blutrausch eilte dieser Mann die Straße herunter und verließ eilig die Stadt. Als er an mir vorbeieilte, hörte ich ihn murmeln: "Mehr, mehr … Ich brauche mehr Geld um Lämmer zu kaufen um sie als Opfer darbringen zu können. Ich brauche mehr Blut. Ich brauche mehr Blut."

Er wiederholte diesen Satz ständig. Ich wusste nicht wirklich, was ich tun sollte, da ich dem großen Tor immer näher kam. Ich hatte zwar auch einen Geldbeutel in meiner Hand, aber ich hatte Angst vor dieser Stadt. Einer nach dem anderen fiel auf dem Platz in einen Blutrausch.

Da sah ich, unweit des Tores, einen Mann, am Rand der Straße, auf einem Stein sitzen. Ich bemerkte, wie viele Menschen ihn bespuckten, ihn traten und ihn verhöhnten. Er solle lieber ein Lamm kaufen und es dem Großen Gott darbringen um ein Leben in Reichtum und Wohlstand führen zu können. Das verwirrte mich. Ich kam zu dem Mann, aber ich ging schweigend an ihm vorbei. Ein paar Schritte später, packte mich das Gefühl, ich solle zurückgehen. Ich blickte mich um und sah direkt zu dem Mann an der Straße. Er blickte mir direkt in die Augen. Ein Gefühl von Sicherheit überkam mich und ich drängte mich durch die Massen zurück zu ihm. Ich weiß nicht warum, aber ich nahm meinen Beutel mit Geld und streckte ihn dem Mann entgegen. Der Mann schien nicht alt zu sein. Aber ich konnte ihn nicht wirklich erkennen. Er hob den Kopf, blickte mir in die Augen und sagte: "Behalte dein Geld. Reich mir deine Hand und hilf mir aufstehen. Begleite mich nach Hause."

Ein heißes Feuer brach in meinem Herzen aus, als der Mann zu mir sprach. Ich half ihm auf und er zeigte mit seiner Hand auf einen schmalen Weg, der noch vor dem großen Tor von der Straße wegführte.

Wir machten uns auf den Weg. Es war dunkel. Nichts war mehr von dem glutroten Licht der Stadt zu sehen. Nur dichter, dunkler Wald. Vollkommene Stille legte sich über uns, und der Mann schwieg. Wir gingen etwa zehn Minuten als es nach und nach heller wurde. Der Wald lichtete sich und wir kamen an das Ufer eines Sees. Unweit stand ein kleines Haus, gebaut aus Stein. Daneben ein Brunnen.

Nun, da es heller war, konnte ich den Mann auch erkennen. Er dürfte um die 35 Jahre alt gewesen sein. Sein Gesicht war freundlich und schien zu strahlen. Er hatte ein einfaches, dunkelbraunes Gewand an. Seine Haare waren schulterlang und ebenfalls dunkelbraun. Er sah eigentlich ganz gewöhnlich aus. Nur seine Augen, die versetzten mich ins Staunen. Seine Pupillen waren nicht schwarz, sondern tiefblau. Und um die tiefblauen Pupillen wand sich ein goldener Kranz, wie Sonnenstrahlen. Diese standen nicht still sondern bewegten sich und umkreisten immerfort seine Pupillen.

Wir gingen zu dem Haus und setzten uns auf eine Bank, den Blick auf den See gerichtet. Ohne ein Wort zu sagen, kam eine Frau, welche uns eine Schale reichte, um uns darin die Hände zu waschen. Es war völlig still um uns herum. Nichts war von der Stadt zu hören und zu sehen.

Dann kamen zwei weitere Frauen. Die eine mit einem Krug, gefüllt mit Wasser, die andere mit einem Korb, gefüllt mit Brot. Der Mann nahm das Brot und brach es. Mit einem freundlichen Lächeln reichte er mir die eine Hälfte und sagte: "Das ist die wahre Speise, die den Menschen befreit und zum ewigen Leben führt."

Sein Blick drang tief in meine Seele und das Brennen in meinem Herzen schien immer weiter zu wachsen. Ich nahm das Brot und begann zu essen. Dann reichte mir der Mann mit demselben freundlichen Lächeln den Krug mit Wasser und sagte: "Das ist das lebendige Wasser, wonach den Menschen so sehr dürstet."

Ich nahm auch den Krug und trank. Der Mann blickte mir noch einmal tief in die Augen. Ein Gefühl der unendlichen Liebe, der zeitlosen Stille und der grenzenlosen Geborgenheit überkam mich. Er nahm meine Hand in seine Hände, lächelte mich an, wie es noch kein Mensch zuvor getan hat und dann sagte er zu mir: "Geh zu den Menschen und zeige ihnen den Weg. Hier gibt es Brot und Wasser in Überfluss. Zeig ihnen den Weg zu mir, damit sie nach Hause finden."

Er legte seine Hand auf meine Schulter, lächelte mich noch einmal an und küsste mich dann auf die rechte Wange. Plötzlich, während ich den Kuss noch auf meiner Wange spürte, blitze es in einem tiefen Blau vor meinen Augen, da zog es mich durch diesen "Kanal", der jetzt in diesem tiefen Blau schimmerte, wieder zurück und ich befand mich wieder, aufgerichtet, in meinem Bett. Das Zimmer war wieder normal – das rote Glühen aber auch der blaue Schimmer, war verschwunden. Ohne Angst und mit brennendem Herzen lag ich in meinem Bett. Der einzige Gedanke, der mir durch den Kopf schoss: "Ich möchte zurück!" Ich machte noch einen Blick auf die Uhr, die 4.27 Uhr anzeigte.