• Die Liebesflamme des Unbefleckten Herzens Mariens

"So lange schon warte Ich auf dich!"

Die Wege des Herrn erleiden niemals einen Abbruch (sie gehen gerade voran; Anmerkung des Übersetzers), nur wir sind es, die davon abgleiten. Auch ich bin abgewichen. Die mühevolle Arbeit, die vielen Sorgen und Plagen, die mit dem Witwenstand verbunden sind, haben an meiner Seele gezehrt, ihre Kräfte mürbe gemacht, woran auch meine innere Haltung gelitten hat. So ist es gekommen, dass ich mich nach und nach von Gott entfernte. Die ständige Arbeit für den Lebensunterhalt hat mich zu sehr in Anspruch genommen, so dass mein geistliches Leben nach langem Kampf immer mehr verdunkelt ist. Es ging so weit, dass es sogar den festen Halt meines Glaubens angefochten hat.

Dieser dauernde Kampf um die Existenz stellte in mir die große Frage: "Siehst du, ich habe dir ja immer gesagt, wozu diese große Familie?" Während ich darüber nachsann, erschien mir das, was ich früher für heilig hielt und was meinem Leben Inhalt gab, als Unsinn. Ich wurde von einem Arbeitsplatz zum anderen geschickt. Dadurch verschlimmerte sich das Elend zu Hause und verdichtete sich die Versuchung. Der böse Feind belästigte mich dauernd: "Wie dumm du bist! Da hast du es jetzt! Wieder hat man dich entlassen, weil du deine Kinder zum Religionsunterricht einschreiben ließest! Warum täuschest du dich selbst? ... Es ist dir ohnehin klar, dass du den Kampf schon lange aufgegeben hättest, nur weißt du nicht, wie du deinen Kindern das beibringen sollst, woran du nicht mehr glaubst ... Lege endlich deine Maske ab, du wirst sehen, wie erleichtert du danach sein wirst! ... Deine Kinder werden mit der Zeit ohnehin erfahren, was du ihnen jetzt verschweigst!"

Das ließ mich aufschrecken, plötzlich sah ich für einen Augenblick das Bild Gottes vor mir, das in meinem Inneren beinahe schon verblasst war. Dies löste in meiner Seele einen inneren Kampf aus. Ich flehte zu Gott. Es ist nicht zu beschreiben, in Worten nicht auszudrücken, wie heftig mein Kampf war. Ein haarsträubender, nervenzermürbender Kampf, begleitet von vielen Sorgen nun lange Jahre hindurch. Zur Hl. Messe ging ich zwar noch, aber sie schien mir so leer und ermüdete mich.

In dieser Zeit hatte ich Wechselschicht an meinem Arbeitsplatz, auch sonntags musste ich arbeiten. Die Kinder schickte ich vormittags zur Hl. Messe, ich ging abends. So war es auch besser, denn meine Kinder sollten mir nicht anmerken, wie zerstreut ich war. Anstatt zu beten, habe ich diese Zeit mit langweiligem Gähnen verbracht.

Einmal habe ich mir dann vorgenommen, nicht zur Hl. Messe zu gehen: Ich gehe nicht mehr hin, um zu gähnen beruhigte ich mich. An jenem Sonntag haben meine Kinder wieder vormittags an der Hl. Messe teilgenommen. Dass ich selbst nicht diese Absicht hatte, darüber war ich gar nicht beunruhigt und begann mit der Großwäsche. Ich habe gewaschen und gewaschen, bis es inzwischen Abend geworden war. Meine Kinder mahnten mich: "Mutter, es ist halb sieben Uhr!" Ich war deswegen zwar verärgert, dennoch arbeitete ich weiter, bis mein ältester Sohn sagte: "Bitte, beeil dich!" Das hat mich aufgerüttelt.

Ich schickte mich an und ging zur Hl. Messe, aber ich wusste nicht, wie ich zu Gott sprechen sollte. Ich überlegte, warum ich eigentlich so dumm bin und das Fasten des Karmels noch beibehalte? Lass ab davon! dachte ich. Und ich entschloss mich die Enthaltung von Fleischspeisen aufzugeben, zumal meine Nahrung ohnehin so gering und schlecht war. (Ich gehöre dem dritten Orden des Karmels an.) Dieses Fasten habe ich stets ohne Schwierigkeiten, nur aus Gewohnheit gehalten.

Als ich nach der Hl. Messe heimkam, fiel mir der kleine Psalter der Heiligsten Jungfrau in die Hände. Ich öffnete und fing an zu beten... Hat doch das Gebet meine Seele früher immer zu Gott erhoben, aber jetzt schien es mir wie ein leeres Gemurmel... Ich nahm mein altes Betrachtungsbuch vor, aber alle meine Anstrengungen waren nutzlos. Eine dunkle, kalte, lähmende Stille umgab mich. Ich brach in Tränen aus. Gott will nichts mehr von mir wissen, dachte ich. Eine innere Bedrängnis überfiel mich, begleitet von Gedanken, die niedergeschrieben einer Gotteslästerung gleichkämen ... Mitten in diesem schweren Kampf äußerte sich der böse Feind wieder in schrecklichen Worten in meiner Seele: "Darum habe ich dir das angetan, dass du es selbst einsiehst und nicht mehr weiterkämpfst!" Ich schildere meinen Kampf nicht eingehender, denn er ist kaum in Worte zu fassen.

Dieser fürchterliche Kampf dauerte so lange an (ca. drei Jahre), bis eines Tages meine Tochter C. mich mahnte: "Mutti, beeil dich, denn heute Nachmittag um 14.00 Uhr ist die Beerdigung von Herrn Dr. B. (Dr. B. ist ein Mitglied des dritten Ordens vom Karmel gewesen, ihre gegenseitige Hochachtung und Bekanntschaft rührt von da her. Anmerkung). Es war schon 13.00 Uhr. Das hat mich derart im Herzen getroffen, dass ich mich ohne zu überlegen, mich eiligst ankleidete, um mich nicht zu verspäten. Beim Betreten der Leichenhalle brach ich in Tränen aus. Ich dachte mir: Er hat es jetzt gut! Er war ein echter, musterhafter, heiligmäßiger Karmelit! ... Aber ich? ... Ob ich wohl auch dorthin komme? ... "Weine nicht!" – hörte ich seine sanfte Stimme, sowie nur Selige im Himmel sprechen können. – "Geh zurück in den Karmel!"

Der nächste Tag war Sonntag, der 16. Juli, das Fest der Mutter Gottes vom Karmel, das Kirchweihfest unserer Kirche. Schon am frühen Morgen ging ich hin und blieb dort bis zum späten Abend. Schweren Schrittes ging ich zum Beichtstuhl. Eine ungeheure geistige Trockenheit zehrte an meiner Seele. Ich fühlte keine Reue. Die mir aufgegebene Pönitenz verrichtete ich mechanisch. Währenddessen fiel mir auf, wie diese vielen Beter in der Kirche die Heiligste Jungfrau lobten. Sie auch zu loben, kam mir nicht in den Sinn. Meine Gedanken landeten immer beim Bruder B. und linderten einigermaßen meinen Seelenschmerz. Er war es, der meine Schritte zur Heiligsten Jungfrau lenkte: "Geh, falle vor ihr nieder!" Ich ging auch, aber die Worte, die ich ihr sagen wollte, kamen mir nicht über die Lippen. Ich empfand keine Reue.

Spät abends kam ich nach Hause. Da übermannte mich ein sonderbares Gefühl, als hätte ich meine 'abgewetzte' Seele im Karmel gelassen. Obwohl an diesem Tag das Abendessen meine erste Mahlzeit war, hatte ich dennoch nur widerwillig begonnen, meinen Hunger zu stillen. Der böse Feind gesellte sich wieder zu mir: "Wozu diese Dummheit? Wozu all das? Ruhe dich gut aus, geh' darüber hinweg und kehre an deinen Tagesablauf zurück!"

Schweren Herzens ging ich in den Garten. In der wohltuenden Abendstille begannen meine Tränen in dicken Strömen zu fließen. Unter dem Sternenhimmel vor der Statue der Heiligen Jungfrau von Lourdes versank ich in tiefe Andacht und fing an zu beten. Am nächsten Morgen eilte ich zu der in unserer Nähe befindlichen kleinen Kapelle, wohin ich einst als junge Frau zu gehen pflegte und wo mir Bruder B. beim Tisch des Herrn begegnete. Seine Andacht hatte es mir auch jetzt angetan. Unterwegs begegnete ich einigen meiner früheren Bekannten, die mich als musterhafte junge Mutter in Erwähnung ansprachen. Deswegen geriet ich in Verwirrung. Ich befürchtete, der böse Feind wolle mich wieder zur Hofart verführen. Von Herzen flehte ich: "Meine himmlische Mutter, verlass mich nicht! Nie mehr will ich Dir untreu werden! Halte mich fest! Ich habe Angst vor mir selbst. So unsicher sind meine Schritte!"

Während der Hl. Messe bat ich Jesus unaufhörlich: "Mein Herr, verzeih' mir meine Sünden!" Ich wagte nicht zum Tisch des Herrn zu gehen, obwohl die Person neben mir mich einige Mal am Arm fasste und wiederholte: "Gehen wir schon!"

In diesen Tagen habe ich jene außerordentlichen Gnaden bekommen, die der Herr nur jenen gibt, die schwach sind und noch genesen. Eine Schwester, die neben mir kniete, sagte zu mir: "Ich knie mich neben Sie hin, damit auch ich heilig werde!" Ach, sie wusste, dass sie den Herrn Jesu in mir sieht und fühlt! Die Liebe zu Jesus füllte meine Augen mit Tränen der Reue. Nie mehr wollte ich in die Weit zurückblicken. Ich suchte nun die Einsamkeit und die Stille, um die Stimme des Herrn zu hören, denn von dieser Zeit an sprach Er zu mir. Vertraute Zwiegespräche haben in meinem Inneren begonnen. Ach, wie einfach diese Zwiegespräche sind!

Ich bat den Herrn, Er möge mich ganz in Ihm versinken lassen. Dieselben Gnaden erbat ich auch für meine Kinder. Ja, ich bat Ihn, Er möge sie an Sich ziehen. Das versprach Er mir auch und versicherte mir, dass Er meine Bitten immer erfüllen werde, ich solle Ihn nur beharrlich darum bitten.

Während ich Ihn in tiefer Andacht anbetete, sprach der böse Feind zu mir: "Glaubst du an diese Seine Macht? Wenn Er die Macht hätte, würde Er es tun, denn das wäre auch Ihm angenehm!" Welch ungeheuerlicher Schlag! Mein Herz war wie verschnürt, der Verstand verdunkelt. Da erschien vor den Augen meines Geistes das gequälte Antlitz meines Herrn: "Schau Mein gequältes Antlitz, Meinen gemarterten Leib ... Habe Ich nicht gelitten, um die Seelen zu erlösen? ... Glaube Mir und bete Mich an!"

Da erweckte ich Akte des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe. Ich bat Ihn, Er möge nicht zulassen, dass ich Ihn jemals verließe. Er möge mich an Seine heiligen Füße ketten, fest und eng, damit ich immer bei Ihm bleibe, denn nur so bin ich in Sicherheit. Er jedoch verlangte Selbstentsagung von mir, denn ich sei sehr weltlich und zerstreut. Mit aller Kraft versuchte ich das zu tun. Danach hat sich um mich alles so gestaltet, dass ich immer mehr in Seinen Bann gezogen wurde. Er bestärkte meinen Eifer.

"Große Gnaden will Ich dir geben, aber dann übe Selbstentsagung!" Gewichtige Worte waren das für meine Vernunft. Darum fragte ich Ihn: "Werde ich dazu fähig sein?" – "Du sollst nur wollen, alles andere überlasse Mir!"

Lange habe ich mit mir gerungen, bis der Herr mir Licht gegeben und mich von Schritt zu Schritt geleitet hat. Innerhalb der Familie musste ich Verzichte auf mich nehmen. Solange ich mit meinem jüngsten Sohn lebte, hatte der Verzicht für mich keine Bedeutung, keinen Sinn. In der Wohnung musste ich immer mehr zusammenrücken, um meinen Söhnen, die nacheinander Familien gründeten, den Platz zu übergeben. Das ist mir schwer gefallen, denn ich hatte die 4 Zimmer Wohnung schon zu sehr aufgeteilt. Nur noch über das Esszimmer verfügte ich. Auch darauf habe ich schweren Herzens verzichtet. Als ich dann auch von hier ausziehen musste, erinnerte ich mich der vielen lieben und traurigen Familienereignisse, der vertrauten Weihnachtsabende, der Hochzeiten, der Tauffeiern meiner Enkelkinder, des armseligen Gedecks der Elendsjahre, da ich meinen Kindern zum Frühstück nur Fettbrot geben konnte, der kargen Mahlzeiten mit nur Gemüsesuppe, zu denen ich auf den immer schön gedeckten Tisch auch glänzende Äpfel legte, damit die Kinder von den dürftigen Jahren nicht allzu viel verspürten. Fröhlich ging ich unter ihnen auf und ab, mit einem ständig bedrückendem Gefühl in meinem Inneren und in der großen Sorge um die Ernährung meiner Kinder. Also war auch dieses Zimmer mir ans Herz gewachsen, darum fiel mir der Verzicht schwer.

Dann bin ich in das Kinderzimmer umgezogen und hoffte, mich hier mit meinen Erinnerungen einzunisten, hier für meine Seele Ruhe zu finden und von hier nicht mehr ausziehen zu müssen. Dann aber heiratete mein jüngster Sohn, und auch ihm musste ich Platz machen. Ich verstand, dass ich auch auf dieses Zimmer verzichten musste, denn es war der Wille des Herrn Jesus; ich sollte ganz arm werden. Vor meinen Augen rollten Bilder ab, wie ich beim Krankenbett meiner Kinder Nächte verbracht hatte, der tobende Kinderlärm, das gemeinsame Abendgebet, die vertrauten Vorlesungen, und anderes mehr. Aber der Herr trieb mich an:

 

"Entsage dir ganz und gar!"

Ich willigte ein. Dann verteilte ich alles unter meine Kinder, nichts sollte mich mehr an die Welt fesseln. Bald glaubte ich eine Torheit begangen zu haben. Mir war nämlich nicht so viel Platz geblieben, dass ich mein Haupt hätte niederlegen können. Doch der Herr drängte mich zur Ganzhingabe. Unsicher und traurig wurde alles um mich. Was sollte ich jetzt mit mir selbst anfangen? Da näherte sich mir lächelnd der böse Feind: "Verzage nicht, du bist noch nicht so alt, ruhe dich aus, kleide dich schön, unterhalte dich, und, wenn möglich, heirate! Dann hast du wieder eine Wohnung und gehörst jemandem. Dein Gewissen ist in Ordnung, du hast deine Mutterpflicht getan."

Mir stieg das Blut ins Gesicht, denn ich war wirklich verlassen und einsam. Am nächsten Morgen warf ich mich vor dem Altar des Herrn nieder: "Mein Herr, du weißt doch, dass ich mich an Deine heiligen Füße gefesselt habe. Nie mehr will ich mich von dieser Stelle entfernen..." Ich fragte den Herrn: "Mein Herr, warum hast Du mich ganz mir selbst überlassen?"

"In deinem Interesse", war Seine Antwort. "Auch ich habe bei meinem Sterben stundenlang gerungen, und dir fällt dieses kleine Opfer so schwer? Bringe auch die anderen Opfer!" Daraufhin erklärte ich meiner Tochter C., deren Haushalt ich führte: "Von jetzt ab bist du die Hausfrau, ich werde nicht mehr kochen!" Sie schaute mich überrascht an, fragend, was ich jetzt tun werde. "Das, was ihr von mir verlangt. Ich werde das essen, was ihr mir geben werdet!" Dann sagte mir C.: "Mutter, Du bist wie eine Einsiedlerin!" Inzwischen kam meine jüngere Tochter M. herein, Mutter zweier Kinder. Sie erklärte, sie werde eine Arbeit annehmen müssen, da sie von nur einem Einkommen nicht leben können. Da habe ich zu ihren Gunsten auf meine einträgliche Heimarbeit verzichtet (Plastikmalerei), damit sie wegen ihrer zwei kleinen Kinder keine auswärtige Arbeit annehmen müsse. Das war dann das Letzte, worauf ich verzichtete.

All' das hat sich innerhalb einiger Tage abgespielt. Ich musste das Opfer schnell bringen, denn der Herr drängte: "Der freie Wille gehört dir. Ich zwinge dich nicht dazu, tue es nur, wenn auch du es willst. Vor mir bist du nur so wertvoll, wenn du dich in vollem Vertrauen ganz Mir überlässt Glaubst du, Ich könnte dir nicht alles ersetzen? Wenn du wüsstest, welcher Reichtum auf dich wartet!"

So verlief das Zwiegespräch zwischen dem Herrn und mir. Am Samstag, den 10. Februar 1962, waren diese dringenden Verzichte in meinem Inneren geklärt. Am Sonntag darauf war das Fest der Mutter Gottes von Lourdes. An jenem Nachmittag bin ich aus dem Lärm des Familienlebens geflüchtet, da meine Seele sich nach Stille sehnte. Ein Zuhause hatte ich ohnehin nicht mehr. Der Herr Jesus wollte es so. An diesem schönen Sonntag kamen die Menschen massenhaft aus der Wallfahrtskirche von Mariä-Remete (Maria-Einsiedeln, bei Budapest), und die andächtigen Gläubigen sind auch in der Heilig-Geist-Kirche eingekehrt. Ich. kniete unter der Menge. Nach kurzer Anbetung sagte ich zum Herrn: "Mein Herr, hier bin ich! Von den weltlichen Dingen habe ich mich losgelöst, so dass zwischen uns nichts mehr im Wege steht. Gefalle ich Dir jetzt schon? Du weißt, wie armselig ich bin. Du weißt auch, wie demütigend es ist, so zu leben!" Darauf die Stimme des Herrn: "So musst du leben von jetzt ab, und zwar in der tiefsten Erniedrigung!"

Diese Worte haben meine Seele in Seine ewigen Gedanken versenkt. Ich habe Ihn gefragt: "Nimmst Du mich jetzt schon an?" Der Herr erwiderte nichts, Stille war in meiner Seele. Mit gesenktem Haupt lauschte ich, ob Er etwas sagen werde. Ich spürte, dass der Verzicht auf alles Irdische mir Schwung gab, um in der Nähe Jesu bleiben zu können. Nichts mehr störte jetzt die Stille meiner Seele.

 

"In der Schule des göttlichen Meisters."

Während ich kniete, ward meine Seele von tiefer Reue und Dank erfüllt. Ich wartete sehnlichst auf Seine Antwort! Nach langem Schweigen unterbrach ich die Stille: "Mein Jesus, freust Du Dich, dass so viele fromme Seelen zu Dir kommen?" "Ja", sagte Er traurig, "aber sie beeilen sich wieder zu gehen, so dass Ich meine Gnaden nicht vermitteln kann."

Ich verstand Ihn und wollte Ihn trösten: "Mein Jesus, Dein bin ich, Dir sterbe ich, Dir gehöre ich ewiglich!" Währenddessen sann ich nach, womit ich Ihn trösten könnte. Es ging mir so wie dem Rotkehlchen, das die Dornen vom Hl. Haupt herausziehen wollte, wobei durch die Anstrengung ein Tropfen Hl. Blut auf sein Gefieder fiel. Nach einiger Zeit fing ich an zu frieren. Darum wollte ich Abschied nehmen, und heim gehen. Da sprach Er in der Tiefe meiner Seele in flehendem Ton: "Geh' noch nicht fort."

Ich blieb auf meinem Platz. Bald danach vernahm ich in der Stille meiner Seele: "Meine liebe Karmelitin!" Diese Stimme löste in mir einen Akt der Reue aus. Hernach hörte ich diese liebe Stimme noch zweimal und währenddessen weinte ich Tränen der Reue. Nach einer Weile sprach die Heiligste Jungfrau in meinem Inneren:

 

"Bete und leiste meinem vielgeliebten, vielgeschmähten Sohn Sühne!"

Darüber habe ich nachgedacht. Das kann doch nicht der böse Feind in meinem Inneren sein, denn dieser mahnt nie: Bete und sühne! Das verwirrte meine Seele ein wenig. Wie kann, wie soll ich das tun? Eine Weile blieb ich noch in der Kirche; ich betete nicht, wollte nur meine Gedanken ordnen, aber ein merkwürdiges Dunkel hüllte meinen Verstand ein. Auf dem Heimweg betete ich deshalb: "Meine himmlische Mutter, wenn du es bist, die dies von mir verlangt, so ordne bitte meine Wege zu deinem göttlichen Sohn!"

Auch am darauf folgenden Tag hat dieser Gedanke mich nicht verlassen. Während der Hl. Messe flehte ich zu ihr: "Meine himmlische Mutter, was soll ich tun? Ohne dich bin ich klein und schwach. Stehe mir bei, bitte."

Zu Ende der Hl. Messe bewegte mich heftig der Gedanke, den Schlüssel zum Hause Gottes zu verlangen, damit ich hierin freien Eintritt hätte. Ich legte meine Bitte der Sakristanin-Schwester vor und schilderte ihr meine Wohnverhältnisse. Sie war von der Heiterkeit meines Vortrages überrascht. Sie erklärte mir, dass sie das von sich aus nicht tun könne, da sie dazu die Erlaubnis des Hw. Herrn brauche.

Nach zwei Tagen empfing mich die Schwester mit einer guten Nachricht. Ich bekam den erbetenen Schlüssel. Noch an demselben Tag ging ich mit dem Schlüssel zur Kirche. Als ich die Tür des Gotteshauses öffnete, schlug mein Herz hoch. Ich spürte, dass der Herr Jesus jetzt Sein Haus mit mir teilen wollte, statt meines Heimes gab Er mir jetzt Sein Haus, als ein neues 'Zuhause'. Darum ist mir diese Kirche so teuer.

Als ich die Seitentür der Kirche betrat, stand ich vor dem Altar der Braut des Heiligen Geistes und der Schutzpatronin Ungarns. Ich begrüßte sie: "Gegrüßet seist du, Maria, meine Mutter. Ich bitte dich demütigst, bewahre mich in deiner Obhut, empfiehl mich deinem göttlichen Sohn! Ich bin deine untreue Karmelitin. Meine Mutter, ich weiß, dass ich dieser deiner Anrede nicht würdig bin. Auch wenn ich Jahrhunderte lange leben würde, könnte ich nicht genügend Verdienste sammeln, um dieser Anrede auch nur annähernd wert zu sein. Meine Mutter, komm mir zu Hilfe, führe mich zu deinem göttlichen Sohn!"

Als ich so ganz allein in der mächtig großen Kirche war, da warf ich mich zu den Füßen des Herrn nieder und fragte Ihn: "Sind wir nur zu zweit?" – "Leider!" hörte ich Seine traurige Stimme in meinem Inneren. "Sorge dafür, dass es viele werden!"

Mein Dank und meine Reue, die aus meinem Herzen hervorbrachen, sind in Worten nicht auszudrücken. "O, mein lieber Heiland, Du weißt, wie oft ich gestolpert bin, bis ich mit Deiner Hilfe bei Dir landete: Jetzt, da Du mich von der äußersten Hülle meiner Seele befreit hast, fühle ich, dass Du mich mit dem Reichtum Deiner Gnade überströmst. O, mein Jesus, demütig flehe ich Dich an, hoble ab die groben Fehler meiner Seele, mag es mir noch so weh tun, damit Du Dein Werk erkennst, wenn ich einst vor Dir erscheinen werde. Meine Sünden will ich so bereuen, wie dies noch keine einzige bekehrte Seele getan hat. Ich will Dich so lieben, wie Dich noch niemand aus den Reihen der Bekehrten geliebt hat. Mein Jesus, in tiefer Demut bitte ich Dich, kein Tag möge in meinem Leben vergehen, an dem ich nicht Tränen der Reue vergieße, die meinem Dank und meiner Liebe entspringen. Demütige mich, mein Jesus, in jedem Augenblick meines Lebens, damit ich dauernd fühle, wie armselig ich bin! Mein Herz ist von einem Gefühl der Unsicherheit erfüllt, wenn ich daran denke, dass ich schon hier auf Erden mit Dir leben darf. Aber nach meinem Tod? Was wird mit meinen vielen unzähligen Sünden werden?" Da kam ich in eine unvorstellbare innere Bedrängnis, und ich wandte mich an den Herrn. Daraufhin ließ Er mich für einen Augenblick fühlen, wie meine Sünden in Seiner barmherzigen Liebe verschwinden werden.

Wer weiß, wie lange ich noch selbstvergessen zu den Füßen des Herrn gekniet wäre, wenn die Sakristanin-Schwester nicht nach mir ausgeschaut hätte, da die Pforte um 19.30 Uhr geschlossen wird. Dazu hatte ich keine Schlüssel. Ich konnte mich nicht vom Herrn trennen und bat Ihn, Er möge mit mir kommen. Ich fühlte, dass der Herr mit mir kam. Gerne hätte ich mich in den Staub der Straße niedergekniet, so sehr empfand ich Seine Anwesenheit. Seitdem Er mir eine Wohnung gegeben hat, suche ich Ihn jeden Abend dankerfüllt und mit demütigem und reuevollem Herzen auf. Nach dem Wunsch der Mutter Gottes bete ich Ihn an. Ich bin in großer Freude, wenn ich zu Ihm gehe, Er ist immer zu Hause! Diese vertrauten Stunden zu schildern ist mir unmöglich.

Das Jahr 1961 ist mit solchen Zwiegesprächen verlaufen. Damals habe ich sie nicht niedergeschrieben. Ich fing damit erst an, als der Herr mich dazu aufgefordert hatte. Wenn der liebe Heiland kürzere Gespräche mit mir führt, schreibe ich diese wortwörtlich nieder. Während der Heiligen Stunde ist es oft so, dass diese Gespräche einfach in mein Bewusstsein übergehen, und dann ist es mir unmöglich, sie niederzuschreiben. Einmal bedankte ich mich bei Ihm, dass Er mir eine ewige Zuflucht gewährt hatte: "Meine Karmelitin, auch du gewähre Mir eine ewige Zuflucht. Du fühlst doch ebenso, dass wir beide zusammengehören. Deine Liebe kenne keine Ruhe keinen Stillstand!"

Eines Tages bat Er mich, am Montag eine Gebetswache für die Armen Priesterseelen zu halten. Ein anderes Mal war ich zu Besuch bei Bekannten, in deren Haus auch eine Kapelle war. Als ich mich von den Schwestern verabschiedete, versäumte ich, mich auch von Ihm zu verabschieden. Er machte mir sanfte Vorwürfe über meine Unaufmerksamkeit gegen Ihn! "Verzeih mir, mein Jesus! Ich habe Dich ja darum gebeten, meine groben Fehler mir 'abzuhobeln'." Er antwortete in sanften Worten: "Du musst Mich Tag und Nacht lieben."

Einmal bat ich Ihn, Er möge mich Seine Anwesenheit in voller Majestät und Güte fühlen lassen: "Meine Tochter, verlange das nicht für dich, denn Ich gebe es jener Seele, für die du das Opfer gebracht hast, für die du gebetet hast." – "Verzeihe mir, mein Jesus, siehe, wie selbstsüchtig ich bin!" – "Meine Tochter, Ich kenne deine Unvollkommenheit und dein Elend, aber das soll deinen Eifer nicht brechen, es ist vielmehr ein Grund mehr für dich, dass du mit einem noch größeren Vertrauen auf Meine Liebe rechnen kannst."